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Anderer Welten Kind, Querverlag Berlin, 2011

Löwenherz/Österreich Winterempfehlung 2011

Christian ist 16 und wächst in den beklemmenden 50er Jahren auf. Das Leben steht immer noch unter dem Eindruck des verlorenen Krieges, die Städte sind zerstört und werden gerade erst wieder aufgebaut, die Generation der Eltern hat ihre Verstrickung in den Nationalsozialismus noch nicht überwunden. Christian ist ein unsicherer Junge. Seinem autoritären Vater kann er kaum Widerstand entgegen setzen, seine ältere Schwester führt ihn erfolgreich am Gängelband. Als Heimatvertriebene hat die ganze Familie ohnehin einen schweren Stand in der neuen Stadt, auch in der Schule bekommt es Christian zu spüren, gesellschaftlich nur zweite Garnitur zu sein. Dementsprechend bemüht er sich zu gefallen, versucht vor allem mit sportlichen Leistungen bei seinen Mitschülern wie bei der Schulleitung zu punkten. Auch sexuell ist Christian unsicher. In der Klasse und mit seinem besten Freund, Stefan, beziehen sich erotische Gespräche natürlich nur auf Mädchen. Doch beim Onanieren denkt Christian stets an seinen Klassenkameraden, und als die beiden zum ersten Mal gemeinsam Wichsen und er nur noch an Stefans Schwanz denken kann, dämmert ihm, dass sein Interesse offenbar über kameradschaftliche Freundschaft hinaus geht. Vor allem aber will Christian Maler werden. Vor kurzem gab es in seiner neuen Heimatstadt einen veritablen Kunst-Skandal, ein örtlicher Maler hatte im großen Stil historische Bilder gefälscht. Weil dieser Maler sein Atelier in einem abgelegenen Haus im nahen Moor hat, treibt es Christian häufig dorthin, um dem Maler vermeintlich zufällig begegnen zu können. Doch das Atelier ist untervermietet und so trifft Christian den jungen schwulen Maler Ricky von Dülmen, der sich sein Geld vor allem mit manierierten schwul-pornographischen Männerbildern verdient. Als Christian eines dieser Bilder von Ricky gezeigt bekommt, ist er ebenso fasziniert wie verwirrt – sowohl von der deftigen Darstellung als auch von Ricky. Immer wieder sucht Christian Rickys Nähe. Gleichzeitig versucht er, ein normales, erwartbares Leben zu führen. Die Freundschaft zu Helga scheint perfekt dazu geeignet, auch sich selbst vorzumachen, sein Interesse an Ricky sei nur in der Malerei begründet. So schwankt Christian zwischen zwei völlig gegensätzlichen Welten. Helga spürt, dass Rickys Verhältnis zu Christian in Konkurrenz zu ihrem steht, und setzt alles daran, die beiden auseinander zu bringen. Ohne zu wissen, dass die beiden tatsächlich auch Sex hatten, verrät sie Christian, als sie ihn auf einem Foto mit Ricky erkennt. Für Christian bricht die Hölle los. Diese Geschichte allein schon wäre erzählenswert, doch »Anderer Welten Kind« ist vor allem durch den Erzählstil und die ebenso gekonnte wie zurückhaltende Verflechtung der Haupthandlung mit zahlreichen Nebensträngen empfehlenswert. Der Erzählstil ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass die Schilderung der Orte und Zeitverhältnisse, der Wohnzimmer, der von Zerstörung und Wiederaufbau geprägten Straßen, der hierarchischen Familienordnung, der Obrigkeitshörigkeit, der Schulen, die damals noch Anstalten hießen, breiter Raum zukommt. Dagegen beschränkt sich die direkte psychologische Darstellung auf Christian, alle anderen Personen erhalten ihre Prägnanz und charakterliche Schärfe dadurch, dass sie sich vom detailreich gemalten Hintergrund abheben. So wird Christian zu einer Identifikationsfigur, zugleich erlebt der Leser alle anderen Akteure sowohl als Teil von Christians Umwelt als auch als eigenständige, plastische Charaktere. So zum Beispiel Christians Tante Hermine, der Christian zwar nie begegnet ist, doch deren Tagebuch er gefunden hat, dessen Lektüre Tante Hermine zu seiner engsten Vertrauten werden lässt. Und obwohl auch der Leser Tante Hermine nur aus ihren Tagebucheinträgen kennen lernt, ist klar, dass Christian ein viel zu enges, seiner momentanen Seelennot entsprungenes Bild von ihr hat. Diese Doppelsicht entwickelt Autor Wolfgang Ehmer auch für Wullenwever, den dritten schwulen Charakter des Romans. Wullenwever ist schon etwas älter, hat als 175er das KZ Flossenbürg überlebt und handelt offiziell mit Altwaren, als lukratives Nebengeschäft verkauft er die damals noch illegalen pornographischen Bilder Rickys. Drei ganz kurze Auftritte hat Wullenwever nur im Roman, für Christian bleibt er ein merkwürdiger, vielleicht etwas unheimlicher alter Mann. Doch vor dem Leser steht ein vielschichtiger Charakter, abgeklärt und einfühlsam, vordergründig übervorsichtig, ja fast feige, doch zugleich ist klar, dass Wullenwever auch ein mutiger Mann gewesen sein muss. Neben Christians packender Geschichte sind es solche Nebenfiguren vor einer anschaulichen Hintergrund-Schilderung, die »Anderer Welten Kind« für mich zu einem der ergreifendsten schwulen Romane seit langem machen.  (Veit empfiehlt, Winter Katalog 2011)

 

Lübecker Nachrichten 25./26.09.2011

Auf der Flucht vor
geistiger Enge und Spießigkeit

Wolfgang Ehmer erzählt von einer Flüchtlingsfamilie in Lübeck.

Fast 90 000 Flüchtlinge undVertriebene haben nach dem
ZweitenWeltkrieg in Lübeck eine neue Heimat gefunden.
In ihrer Lebenswelt siedelt Wolfgang Ehmer seinen Roman an.

„Anderer WeltenKind“ führt zurück in die zweite Hälfte der 1950er Jahre,
begleitet den 16 Jahre alten Christian Lorenz in seinem Versuch,
der bedrückendenSpießigkeit und geistigen Armut seiner Umgebung
zu entkommen.
Im Hause Lorenz ist kein Platz für Freiheit und Abenteuer.
Dort geht es geordnet zu. So geordnet, dass sogar
die Brotscheiben abgezählt sind, die es abends gibt: Der
Vater und Sohn Christian bekommen jeweils fünf, die
Mutter und Tochter Renate jeweils drei.

Diese Welt ist zu eng für den Sohn Christian.
Er träumt davon, dem Maler Lothar Malskat zu begegnen,
den er verehrt. Dadurch lernt er den Künstler Rickyvon Dülmen kennen,
einen Mann mit homosexuellen Neigungen.
Die Freundschaft zu ihm wird Christian zum Verhängnis.

Der in Köln lebende Romanautor, Jahrgang 1947, ist studierter Historiker. Seinem Roman ist dies deutlich anzumerken. Hier geht es nicht nur um ein Leben zwischen Stehlampe und Fernseher, dem neuen Statussymbol,
sondern darum, wie ein Volk sich nach der Nazizeit neu erfindet.

Zugleich ist „Anderer Welten Kind“ ein Lübeck-Roman.
Ehmer wartet dabei mit vielen Details auf. Mit großer Genauigkeit werden die Schicksalsorte der Protagonisten benannt: das Eis-Café Venezia
in der Königstraße etwa, in dem Christian und Ricky sich treffen. Ungenauigkeiten – beispielsweise verlegt Ehmer den Bau der im19. Jahrhundert errichteten  Post am Markt in die 1950er Jahre – werden selbst Lübeck-Kenner dem Autor da wohl nachsehen.
 
„Anderer Welten Kind“ von
Wolfgang Ehmer, Querverlag,
424 Seiten, 14,90 Euro

 

NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung -

Literatur
Buch-Rezension: „30 Tage“ von Wolfgang Ehmer
In einem anderen Leben wären es Fahrscheine gewesen
Von Christian Breuer

„In einem anderen Leben wären es Fahrscheine gewesen...“, sagte Rosalie Stunzecz, Gefangene im KZ Mechelen, ahnungsvoll, als sie ihre Transportnummer entgegennimmt. Wie nur selten fügt sich in einem zeitgeschichtlichen Roman ein zentraler Satz, der eine ganze Haltung und die beschriebene unheilvolle Epoche charakterisiert, so treffend in die Erzählung wie in diesem Ausspruch. „30 Tage“ heißt Wolfgang Ehmers 280 Seiten starkes Werk, das sich der Fallstricke einer Verbindung von realen Ereignissen zur Zeit der Nazidiktatur und dem „Eintauchen“ in Romanfiguren und ihr Denken und Fühlen zu jeder Zeit bewusst ist.

Alle Erzählstränge steuern zu jener Nacht des 19. April 1943 hin, in der es schließlich gelingen sollte, einen Zug aus dem belgischen Mechelen in Richtung Auschwitz zu stoppen. In eine Romanhandlung eingebunden, ist dies die einzige verbürgte Aktion, bei der Gefangene aus einem Deportationszug befreit wurden.

Kernfiguren der Erzählung sind die Initiatoren Jean, George (genannt „Youra“) und Robert, drei belgische junge Männer, und der Leser wird Zeuge ihrer Pläne und Vorbereitungen. Ebenso hat man Teil an ihrem Leben und bekommt eine plastische Vorstellung von der Zeit deutscher Besatzung in Belgien. Als Teil des Geschehens werden viele weitere Personen eingeführt. Ein großer Teil der Handlung spielt in Brüssel, und dabei öffnet sich ein ganzer Kosmos, bei dem das Vorzeichen „Mikro-“ eine grob fahrlässige Untertreibung darstellte. Als hilfreich erweist sich das von Wolfgang Ehmer angefügte Personenregister, ein Anhang mit namentlich 55 Einträgen.

Was bei dieser Fülle an Figuren, die für eine Zeit in gemeinsame Schicksale hineingeschrieben sind, erstaunt: Die Erzählung schweift an keiner Stelle ins Kolportagehafte ab. Das wahrhaftig Banale, das nicht dicht am zeitgeschichtlichen Topos verhaftet ist, wird konsequent gemieden.

Ehmers „30 Tage“ (einzelne Tagesausschnitte, die innerhalb der Jahre 1940 bis 1943 beschrieben sind) können als gelungenes Beispiel, wenn nicht als Lehrstück gelten, wie man es machen kann: am täglichen Mitleben und -leiden und an kleinen Freuden der Romanfiguren eine ganze Zeit erfahrbar zu machen.

Immer wieder werden die realen Verhältnisse gekonnt eingebunden. So zeigt sich beispielsweise die faschistische Geisteshaltung in ihrer ganzen zynischen Ungeheuerlichkeit, wenn für den „Arbeitseinsatz“ der Häftlinge, die „im Reich“ gebraucht werden sollten, auf verherrlichenden Propagandaplakaten geworben(!) wurde.

Gleichsam magenumdrehend wird es, wenn ein Zwangsarbeiter in scheinbarer Nebensächlichkeit mit der Aufgabe bedacht ist, das Stroh auf dem Boden der Viehwaggons, die für den Transport nach Auschwitz bereitstehen, zu verteilen (das ist durchaus bekannt, doch darf der Leser an dieser Stelle neu erschrecken).

An ein Verhör des jungen Jean, der mit seiner Theatergruppe ins Visier der Gestapo gerät, werden Anspielungen auf Personen der Zeitgeschichte gleichsam angedockt: Profiteure des Systems wie der doppelköpfige Gründgens, Regisseur und Akteur von Goebbels’ Gnaden, oder Reichs-Starschauspieler Heinrich George. Bereichert werden Ehmers Lesewelten auch durch allzu bereite belgische Kollaborateure und unter deutscher Führung begünstigte Spitzel (sogenannte „Jacques“) innerhalb der Brüsseler jüdischen Gemeinschaft.

Geschichtliche Vorgänge bekommen ein Gesicht – beispielsweise, wenn der Arbeiter Willem sich in die Kollegin Chaja Cieworsky verliebt und ihr zu einem Versteck auf einem Bauernhof verhilft. Oder wenn Chaim Abraham, Vertreter der „Vereinigung der Juden in Belgien“ und zu allen Zeiten zuvor respektiertes Mitglied der belgischen Gesellschaft, zuerst nicht das ganze Ausmaß der von Nazideutschland ausgehenden Repressalien erkennen will.

Mit gedanklichem Innenleben werden ebenfalls deutsche Besatzerfiguren ausgestattet, doch verliert Wolfgang Ehmer nie die eigentliche Geschichte und ihr Anliegen aus den Augen. Gerade hierdurch – und nicht in Datenfülle und einem Sog der Banalisierung des erstickter Geschichte Grauens (wie in „Der Untergang“) – beweist Ehmer seine langjährige und sorgfältige Beschäftigung mit dem Thema. Auch die Brutalität hat ein Gesicht.

Eine Art galgenhumorig-kuriose Detailtreue zeigt „30 Tage“, wenn die Herstellung eines gefälschten Ausweises für den Untergrund bis zum letzten Abheben der Papierschicht mit einer Pinzette geschildert wird. (Das lädt nahezu zur Nachahmung ein, aber wird wohl leider durch „fortgeschrittene“ Technik unmöglich gemacht). Ebenso fundiert zeigt sich der Autor, wenn es an Überlegungen zum Werkzeug geht, mit dem die Waggons aufgebrochen werden können, und der Leser ist zu jeder Zeit mitten im Geschehen ist. Die handelnden jungen Männer, die sich in praktischer Entschlossenheit dem herrschenden Unrechtsregime entgegenstellten, lassen alles verdichten: zu einer rundum spannenden und auf intelligente Weise Zeitgeschehen vermittelnden Geschichte.

Kurzum: Wolfgang Ehmers „30 Tage“ sind höchst lohnenswert – selbstverständlich zum selbst Erlesen! Daher, anstatt eines längeren Leseproben-Happens ein kurzes Schlusswort aus einer „Normalität“ des von Grund auf aus dem Rahmen des Vorstellbaren geratenen „Alltags“:

Mentale Dispositionen, die lange Teil eines Dienstverständnisses hierzulande waren und wohl zum Teil immer noch sind, wurden von Ehmer in wenige Worte gefasst:

„Es erstaunte Chaim immer wieder, wenn er die Akribie in der bürokratischen Ordnung beobachtete, mit der die Deutschen alle Vorgänge, die eigentlich auf Raub und Beute basierten, in gesetzlich legitimierte Formen von Listen und Karteikästen pressten, und er war sich fast sicher, dass die Subalternen an ihren Schreibtischen ihre Arbeit ohne das geringste Unrechtsbewusstsein verrichteten.“ (S.158)

Der Roman basiert auf realen Ereignissen: der Befreiungstat von Jean Franklemon, Youra Livchitz und Robert Mastriau. 231 Deportierte konnten aus dem Zug-Konvoi fliehen, 23 kamen dabei ums Leben. (CH)