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Leseprobe
Guerilla im Kopf
Verlag ORANGE CURSOR, Klagenfurt 2016

Kapitel 1

1997
Eine neue, eine alte. Wieder wanderten Toris Augen von einer Frauenstatuette zur anderen. Sie strich mit den Fingern über die Oberflächen, über die glatte der neuen Produktion, glasiert und kühl, über die unebene, graue, aschefarbene Struktur des älteren Modells. Sie spürte Schründe, Reliefs, Falten, Haare, Brüste, Bauch, Schenkel mit der Fingerkuppe nach. Bei der alten war alles dran, nichts angedeutet oder interpretiert, Detail für Detail nachgearbeitet, naturgetreu übertragen.Die neue schien ihr besser zu gefallen. Wieder und wieder tastete sie den kleinen Körper ab, die Schwünge der Linien waren kühner, entschlossener. Die Form schien für sich zu wirken und das Weggelassene hinan in die eigene Imagination zu zwingen. Alexander, der zufällig auf dem Weg vom Schuppen durch das kleine Fenster gespäht hatte, war schon eine ganze Zeit stehen geblieben und beobachtete seine Frau, die ihn nicht zu bemerken schien. Im Halbprofil, die Haare zu einem lockeren Knoten gebunden, mit einem Bleistift fixiert, manchmal war es auch ein Essstäbchen, saß Tori über die Werkbank gebeugt, in höchster Konzentration, die Zunge in ständiger Bewegung die Mundwinkel befeuchtend. Er wusste es, obwohl er das Gesicht wegen einiger Haarsträhnen, die der Knoten nicht erfasst hatte, nur unvollständig sah, so vertraut war sie ihm, wenn sie arbeitete. Sie hielt inne, schien über etwas nachzudenken. Sie starrte auf ihre Hände, so als ob sie etwas in ihnen sah, vielleicht eine neue, noch radikalere Richtung, die ihr einzuschlagen nur gelänge, wenn sie sich auf die Arbeit ihrer Hände verließe, sich ihnen ergäbe, sich ihnen hingäbe. Dieser Gedanke gefiel Alexander, seine hingebungsvolle Frau im kreativen Schöpfungsprozess, alles um sich herum vergessend.
Er hatte sie nach dem letzten Besuch in Foix gebeten, die alten Figuren noch einmal zu formen, da sie sich gut verkauften. Jetzt sah er sie die graue Skulptur in ihre Hände nehmen, sie gleichsam wiegend prüfen. Die Nachdenklichkeit, die sich auf ihrem Gesicht auszubreiten schien, nahm er als kontemplatives Innehalten.
Sie begann die Tonmischung anzurühren. Spachtel und Messer, die Wasserschüssel, Schmirgelpapier und die wichtigen Modellierhölzer ordnete sie auf der Arbeitsfläche. Das kleine Feilenbesteck. Er sah sie mit halb ausgestreckter Hand zögern, dann entnahm sie dem Etui eine winzige Rundfeile, drehte sie spielerisch hin und her, prüfte die Reibfläche, schob sie zurück unter das Gummiband. Sie griff zur grauen Figur und stellte sie vor sich auf die Werkbank. Betrachtete sie lange von allen Seiten. Dann nickte sie und legte das Feilenetui zu den anderen Werkzeugen. Sie entschied sich für das Modellierholz.


Konzentriert arbeitete sie. Fasziniert konnte er sich nicht sattsehen an ihren routinierten Bewegungen. Bei einer Frauenskulptur wie der grauen, alten, die auf einem quadratischen Block saß, das wusste er, wurden die Bohrungen der Löcher, durch die die beim Brennprozess sich ausdehnende Luft entwich und somit ein Zerbersten des Tons verhinderte, erleichtert, waren weniger kompliziert, als wenn Tori durch die Füße oder andere, nicht sichtbare Teile einer Figur bohren musste. Die einzelnen Arbeitsschritte schien sie ohne lange Überlegungen durchzuführen, eine automatisierte Prozessabfolge aus Macht der Gewohnheit. Sie rührte den Ton an, fügte einen Schamottanteil von fünfundzwanzig Prozent hinzu, knetete ihn solange, bis er eine geschmeidige, nicht allzu poröse Konsistenz erreichte und begann den Körper zu formen. Sie kam gut voran und schon bald zeichnete sich die Grundform in ihren richtigen Proportionen ab. Die bis dahin neutrale Figur saß, leicht nach hinten gebeugt, sehr aufrecht auf dem Quader; ob es ein Stein oder ein Sitzmöbel werden sollte, würde Tori später entscheiden. Die Figur stützte sich mit den Handballen ab, leicht hinter dem Körper platziert. Sie wartete, bis sich die Tonlederhaut im Härtungsprozess gebildet hatte, um mit den Feinarbeiten zu beginnen.
Alexander konnte sich nicht rühren. Es war schon ein bisschen voyeuristisch, ihm kam die Idee einer Peepshow, das gleiche Gefühl des Verbotenen, Unerlaubten, fast wider seinen Willen anziehend, ansaugend. Eine stille Teilhabe, deren Obzönität ihm nicht verborgen blieb. Denn er wusste, dass Tori es auf den Tode nicht ausstehen konnte, wenn er sie bei der Arbeit beobachtete, und er hatte den vollständigen Prozess bisher nur stückhaft, eher en passant, mitbekommen. Als sie ihren Kopf drehte, duckte er sich weg.


Sie zog die Oberfläche glatt, setzte Spachtel und Modellierholz ein, arbeitete winzige Kügelchen heraus, aus denen sie Ohren und Nase und, ein bisschen größer, Brüste bildete. Nahm mit dem Messer Überflüssiges weg, modellierte Arme, Hüften und Beine, glättete wieder, deutete Haare, Finger und Füße an, schmirgelte, polierte - und schuf eine kleine, in ihrer Reduktion auf das Wesentliche, nämlich auf die ausgewogene Proportion, schon fast abstrakte Frauenfigur. Sie war überaus stimmig, aber eben nicht konkret, sie war wie ein Urbild, wie die Idee einer Frau.


Alexander, gleichsam gefangen auf seinem voyeuristischen Posten vor dem Haus, war irritiert, hatte er doch erwartet, dass Tori die Graue nachbauen würde. Aber diese Frauenfigur, die jetzt auf der Hobelbank saß, war so perfekt und ästhetisch in ihrer Schlichtheit und Andeutung, dass er nicht umhin konnte, sie und mit ihr Tori zu bewundern.


Aber als Tori sich die graue Figur griff und sie neben die neue stellte, erkannte er ihre Absicht. Er sah förmlich, wie sie den Schaffensprozess noch einmal rekapitulierte. Wie sie die Frau, die so ganz anders aussah als die glatte, aus dem Tonhaufen entstehen hatte lassen. Alle diese Körper- und Gesichtsfalten und die muskulären Reliefe unter der Haut. Selbst die Brustwarzen mit dem sich leicht erhobenen Hof. Die Haare.
Sie verharrte still. Ihr Blick wanderte zum Werkzeug.Nahm nacheinander die Feile und das Messer in die Hand, schüttelte den Kopf. Dann griff sie das kleine, federgleiche Modellierholz mit der scharfen Schneide. Natürlich. Den Borstenpinsel legte sie weit zur Seite. Der hatte jetzt noch keine Aufgabe zu erfüllen, der war für die Glasur. Noch einmal wog sie die Graue in den Händen, schien sie nachzuspüren, ihrer gewahr zu werden, vertraute sie ihren Händen an, vertraute ihren Fingern. Sie hielt die Augen geschlossen, witterte, als ob sie den Händen die Erinnerung überlassen hätte. Streichelte, tastete ab, zeichnete Konturen mit der Fingerkuppe nach, schien den kleinen Körper ins eigene Herz zu übertragen. Und sagte etwas, wie So, los jetzt.
Sie entschied sich letztendlich für die kleine Rundfeile und begann mit der Struktur der Beinmuskulatur. Behutsam rieb sie zur Hervorhebung des Schenkelmuskels ein wenig Ton weg, schmirgelte einen weichen Übergang - und hatte, anstelle einer sanften Wölbung, eine Rille, wie gemeißelt, in das Bein gefräst. Es war misslungen. Offensichtlich das falsche Werkzeug. Alexander hatte gerade in ihrer Anfangszeit, als sie mit den Tonarbeiten begonnen hatte, anerkennen müssen, wie schwierig es war, eine Idee umzusetzen, und es waren oft unzählige Versuche nötig, um ein akzeptables Ergebnis zu erzielen. Tori rollte eine winzige Tonwurst und füllte mit ihr die Rille, glättete sie. Die Feile sortierte sie wieder ins Etui ein und nahm stattdessen das Modellierholz. Sie schien besser damit zurechtzukommen. Es lag vertrauter in der Hand und es war ihr bevorzugtes Arbeitsgerät, wie sie ihm einmal erklärt hatte.


Jetzt widmete sie sich den Haaren. Ein Blick zu der Grauen. Haarsträhnen, die in Wellen bis auf die Schulter reichten. In der Mitte gescheitelt.


Sie trug Tonmasse auf und gab ihr eine Wellenstruktur. Den Scheitel zog sie mit dem Messer. Den kleinen Kopf umwölbte danach ein helmartiges, gewelltes Gebilde, in der Mitte grotesk gespalten, wie nach einem Axthieb. Mit dem Modellierholz versuchte sie in die Wellen Strähnen zu ritzen, aber was dabei herauskam, hatte keinerlei Ähnlichkeit mit weich fallendem Haar, eher mit der parallelen Kerbung einer steinernen Sturmhaube. Voller Bewunderung ermaß Alexander in diesem Augenblick, wie mühsam und Geduld fordernd diese Arbeit war und was es bedeutete, solche, jeder Kritik standhaltenden, wunderschönen Körper zum Leben zu erwecken.
Sie nahm das Modellierholz und führte es an die Haare der Grauen, zeichnete die Wellen nach, die Strähnen. Dann zerknetete sie die Sturmhaube, formte Wellen mit den Fingern und mit einem Nagel begann sie die Ritzungen. Schon besser. Dennoch keine Strähnen, keine Haare.


Sie ließ sie so wie sie waren und wandte sich den Brüsten zu. Ob sie sie wieder so schwer und reif werden ließ, mit festen Nippeln und leicht hängend, wie an der grauen Figur, dachte Alexander und natürlich dachte er auch an Toris Brüste. Es wurden miniaturisierte Säcke und dort, wo sie auf den Rippen aufliegen sollten, schnitt sie tiefe Kerben in den Brustkasten. Und sie waren viel zu groß, zu unförmig, angeklebte Beutel. Die gesamte Figur war ein Hohn, eine tönerne Beleidigung, eine Demütigung und ein Spiegel ihres Versagens, das konnte Alexander von seinem Fensterplatz erkennen, in nichts zu vergleichen mit der Perfektion ihrer sonstigen Produkte.
Alles Weitere ging so schnell, dass Alexander sich hinterher schwere Vorwürfe machte, nicht schneller reagiert zu haben.


Eine ohnmächtige Wut schien über Tori hinweg zu rollen und sie begann mit der Faust auf die Figur einzuhämmern, zerbröselte sie förmlich. Sie schrie auf, jetzt außer sich, griff sich das Messer und stach auf den Tonhaufen ein, immer wieder, rammte das Messer ins Holz der Werkbank und wie aus einer radikalen Selbstentlarvung heraus stach sie es sich in den linken Handballen, riss es wieder heraus und warf es von sich. Sie starrte auf das hervorschießende Blut, presste die Hand gegen ihren Bauch, und mit dem rechten Arm fegte sie die Figuren und das Werkzeug vom Tisch, riss die Tür auf, stieß gurgelnd aus nie vermochter Tiefe ihren Zorn heraus und fand sich einen Augenblick später in Alexanders Armen wieder, der sie fest umklammert hielt und auf sie einredete, nachdem er, aufgeschreckt durch ihr Toben, zur Eingangstür gerannt, durch die Wohnraum geflogen war und ihm im Hineinstürzen sein schrecklicher Irrtum bewusst wurde.