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Leseprobe
30 Tage
Van Aaken Verlag, 280 Seiten


26. Kapitel

Dienstag, 13. April 1943

Gellend ertönte der Pfiff und augenblicklich setzte das Gebrülle der SS ein. „Aufstehen, raus, raus!“ Stiefel polterten über den Flur, Fäuste schlugen gegen die Türen. Aber da war Weinstab schon auf den Beinen. Er hasste es, aus dem Schlaf gerissen zu werden und hatte seine innere Uhr auf ein paar Minuten vor fünf Uhr programmiert. Sofort nach dem Wachwerden, ein übergangsloses Sich-Herausreißen aus den Tiefen des Schlafes, sprang er aus dem Bett und stürzte sich in seine Kleider. Als die Türe aufgerissen wurde, stand er schon neben dem Bett, die Augen starr auf den Boden gerichtet. Nur keinen anschauen, wusste er, das nehmen die sofort als Provokation

Im Laufschritt hetzten sie die Treppen herunter in den Hof. Es war draußen stockdunkel, das Licht der wenigen Gaslaternen an den Mauern tauchte alles in eine diffuse gelbliche Unschärfe, verstärkt durch die Feuchtigkeit und dem kalten Morgennebel, der ihnen ins Gesicht schlug. Die Umrisse des Unterstandes mit den Leiterwagen waren weichgezeichnete dunkle Streifen, die oberen Fenster helle Flecken und selbst in den Fenstern, die zur ebenen Erde ausgingen, waren die flüchtigen Bewohner nur als hin und her eilende Schemen auszumachen.

 Das Gebrüll versiegte in den Morgenstunden nie. Kaum, dass sie in dem Geviert des Hofes Aufstellung genommen hatte, drei gestaffelte Reihen, die ein offenes Rechteck bildeten, mussten sie sich ausrichten unter dem Schreien der SS- Wachen, die, berauscht von der Wirkung ihrer eigenen Stimmen, die Nachzügler in die Reihen trieben. Meistens handelte es sich um die Alten, die dem Tempo nicht standhalten konnten und humpelnd und stolpernd mit kleinen Schritten ihren Platz suchten. Es kehrte erst Ruhe ein, eine stille, tote Ruhe, als alle Männer standen und warteten. Und warteten. Standbeine wurden gewechselt, Gewichte verlagert, das leise Schwanken des Körpers vor Hunger oder aus Schwäche wurde von inneren Gebeten begleitet, bloß nicht schlappzumachen. Die SS Offiziere ließen sich Zeit. Manchmal stundenlang, aber heute tauchten sie schon nach einer Viertelstunde auf, bewaffnet mit der Liste der Nummern der 983 Männer, die zum Appell angetreten waren. 983 Nummern, hinter denen Menschen als Menschen verschwanden und als Verschubmasse wieder auftauchten, denen die Namen gestohlen worden waren und die, jeder auf seine Art, gegen das Verschwinden anzuleben versuchten.

 Weinstab hatte es sich zu Eigen gemacht, die Wartezeit damit zu überbrücken, dass er sich seine Lieblingssymphonie, die Symphonie Nr. 4 von Anton Dvorak, ins Gedächtnis holte. Das Andante des zweiten Satzes hatte sich ihm so eingeprägt, dass er es mühelos ohne angestrengtes Suchen rekapitulieren konnte. Es entfaltete sozusagen in ihm seinen vollen Klang in allen Tonlagen und mit der gesamten Instrumentierung. Bei den anderen Sätzen waren Bruchstücke, Melodiefetzen, Thementrümmer übrig geblieben, und die setzte er neu zusammen, kombinierte sie, bastelte Versatzstücke und ließ sie immer wieder fortflattern.

 Dvorak und nur Dvorak. Bei der Musik aus der „Neue Welt“, der Symphonie Nr. 9, hatten Jana und er sich verlobt, geheiratet und getanzt wurde mit den slawischen Tänzen, aufgelegte alte Schelllackplatten auf einem handaufgezogenen Grammophon, blecherne und eiernde Wiedergaben, die er noch nie im Original gehört hatte. Jetzt war er froh, dass er etwas hatte, was schön und leicht war, und ganz ihm und seinem inneren Konzertsaal gehörte. Seine Gedanken wurden unterbrochen, als er seine Nummer aufbellen hörte. „Hier!“, schrie er und fand für diesen Morgen nicht mehr den Weg zurück zu seiner Musik.

 Der Boden auf dem Hof war aufgeweicht, eine schmierige, glatte, im Schein der Lampen glänzende Oberfläche, die den festgetretenen Lehm bedeckte, der an den Sohlen der Schuhe kleben blieb und den ihren Abdruck bei jedem Schritt wachsen und die Schuhe immer schwerer werden ließ. Pfützen waren vom letzten Regen stehen geblieben und spiegelten schwarzsilbern, Nebelfetzen verzogen sich langsam. Den Männern kroch die feuchte Kälte in die Knochen, wie gern hätten sie jetzt die Arme um sich geschlagen oder wären auf der Stelle gehüpft. Es war noch nicht ihre Zeit. Erst als der Pfiff ertönte, schwärmten sie aus auf ihre Plätze und bildeten jetzt zwanzig Reihen, in denen sie in Armlänge voneinander einen kleinen freien Platz um sich herum schufen.

 Die Morgengymnastik begann mit Kniebeugen bei ausgestreckten Armen. Zwanzig Mal ertönte der Pfiff und das Kommando „Uuund runter! Uuund hoch!“ Es war die Stunde der Sadisten. Wer nicht schnell genug die Knie beugte, wurde angebrüllt und musste noch zehn Beugen extra machen. Die Alten konnten schon nach den ersten fünf nicht mehr und zitternd vor Erschöpfung und nach Luft schnappend, versuchten sie ihre gichtigen, rheumatischen Knochen und Muskeln zu nötigen, was nicht mehr ging. Sie wurden von den SS-Mannschaftsdienstgraden und Unteroffizieren, die sich unter die Männer gemischt hatten und nach den Schwachen Ausschau hielten, gepeinigt und gedemütigt und selbst wenn sie ausgepumpt im Schlamm liegen blieben, traf sie der Stiefel oder die Gerte in die Seite und zwang sie wieder hoch.

 Herr Tendenbaum, der Vater von Marie-Rose, hatte heute kein Glück. Gleich, nachdem er über den Hof mehr gekrochen als geschlurft war, das gichtige Bein hinter sich herziehend, hatte sich ein SS Mann an seine Fersen geheftet und blieb in seiner Nähe am Rand seiner Sportreihe stehen. Herr Tendenbaum konnte keine Kniebeugen mehr machen und, das kranke Bein ausgestreckt, versuchte er das gesunde der geforderten Tortur zu unterwerfen. Er scheiterte kläglich.

„Stell dich nicht so an!“; rief der SS Mann und ließ nicht locker.

Erst als sie sich nicht mehr auf den Beinen halten konnten, durften die Nachbarn ihn stützen. Am Fenster im ersten Stock standen Frau Tendenbaum und ihre Töchter, stumm, verzweifelt, und nichts passte mehr in ihre Vorstellungen und Hoffnungen und sie brachten das Bild des herrischen, autoritären Vaters nicht mehr überein mit dem drangsalierten Menschen dort unten, der in einer Geste der Unterwürfigkeit den Kopf von schräg unten nach oben schauend dem SS Mann zuwandte.