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Leseprobe
Anderer Welten Kind
Querverlag Berlin, 2011, 421 Seiten


Prolog

Die Geschichte ging so:

„Sein Vater hatte bei einem Angriff der Russen in Charkow sein Bein verloren, als er in einen Bombentrichter sprang, um einen dort liegenden Kameraden zu retten. Sein Unglück war, dass eine zweite Granate, von einem russischen Panzer abgeschossen, der sich auf den Trichter zubewegte, neben ihm explodierte und ihn so schwer verletzte, dass das rechte Bein amputiert werden musste.“

Ob es sich so abgespielt hatte, war nie herauszubekommen, denn der Vater von Stefan ließ die Geschichte vage und uneindeutig, als wollte er nichts mit ihr zu tun haben, wie sein Freund Stefan immer wiederholte, wenn Christian mehr darüber wissen wollte. So war sie also ausschließlich ihrer Fantasie preisgegeben, was ja auch den Vorteil hatte, sich die kühnsten und unwahrscheinlichsten Abenteuer auszumalen, die der Vater im Kampf gegen die Russen durchfochten hatte. Wie er zum Beispiel aus dem Kessel von Charkow entkommen war, millimeterscharf an russischen Panzern vorbeigekrochen, das zerfetzte Bein mit sich schleppend, oder wie er einmal eine kleine Gruppe russischer Soldaten in Schach gehalten hatte, die sich, als er ein Bauernhaus durchsuchte, in einem Kellergewölbe versteckt hielt, in dem es nach Kot und Urin stank. Dabei malten die beiden Jungen sich aus, dass einer der Russen ein weggeschossenes Kinn hatte, einen blutigen Schlund, aus dem Luft- und Speiseröhre hingen, und der Vater nach kurzem Zögern die Tür mit dem Stiefel zutrat, weil er wusste, dass dem nicht mehr zu helfen war.

Der Projektion des Vaters zum Helden waren keine Grenzen gesetzt. Es gab jedenfalls keine Geschichte oder Andeutung, die der Vater darüber verlor, die das Bild von ihm hätte relativieren können. Es gab keinen authentischen Hinweis, keine Bemerkung, keine Gesten, nichts. Es gab nur das abbe Bein, die Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS, kurz HIAG, und die Treffen der alten Waffen-SS-Kameraden, an denen Stefans Vater teilnahm, wie übrigens Christians Vater auch, die die Geschichte doch sehr in die Nähe einer ernstzunehmenden Möglichkeit rückte. Trotzdem fiel die Projektion insofern dennoch schwer, als der Vater ein kleiner, dicklicher Mann war, sehr unbeweglich und meistens schlecht gelaunt, der noch zudem stark schwitzte und schnaufte, wenn er das Holzbein, seinen rechten Beinersatz, mit Schwung nach vorne warf und sich gleichzeitig hart gegen einen Stock mit Gummifuß abstützte, den schweren Körper gefährlich nach links geneigt.

Einmal hatte Christian den Vater von Stefan vom Wohnzimmer aus schräg über den Flur im Schlafzimmer beobachtet, wie er, in Unterhemd und Unterhose, auf einem Bein balancierend, den Stumpf auf das Handstück einer Krücke abgelegt, sich eine Art weißen Strumpf über den rosigen, am Ende wulstig vernarbten Stumpf zog, einem seltsamen, wurstförmig geformtem Oberschenkel, dann in die Prothese schlüpfte, deren oberes Teilstück das hölzerne Pendant zu seinem Stumpf bildete, und mit zwei Fingern der rechten Hand in eine Ventilöffnung griff, die im unteren Teil der Prothese einen kleinen kreisförmigen, gummierten Ausgang bildete. Als er den Zipfel des Strumpfes zu fassen bekam, zog er ihn kraftvoll durch das Loch, was ein saugendes Geräusch erzeugte, ein Vakuum, das den Stumpf in sein Gehäuse zog. Dann schraubte er das Ventil in die Öffnung, aus der er die sich im Laufe des Tages ansammelnde Luft aus dem Prothesenkörper entweichen lassen konnte wie einen Furz. Das hatte Christian schon des Öfteren gehört und an den gleichgültigen, gänzlich unerschrockenen Mienen der anderen Familienmitglieder gemerkt, dass an diesem Geräusch nichts Peinliches war. Zum Schluss warf sich der Vater den breiten Ledergurt quer über die Schulter, der die Prothese zusätzlich hielt, und zog sich Hemd und Hose an. Er hatte nicht wahrgenommen oder ignoriert, dass Christian ihn beobachtet hatte.

Und noch etwas war ihm aufgefallen: Der schwarze, glänzende Halbschuh, der auf dem mit einem Abrollmechanismus ausgestatteten Prothesenfuß steckte, war zwar ein wenig glatter, ohne die sich bei einem neuen Schuh nach kurzer Zeit bildenden Querfalten, aber er unterschied sich kaum von dem linken Schuh, der genauso wenig abgetragen schien, obwohl Christian den Vater von Stefan nie in anderen Schuhen gesehen hatte. Die graue Socke war mit einer messingfarbenen Reißzwecke am hölzernen Schienbein befestigt.

Ihm wurde weiter von Stefan berichtet, dass in einem mit rostigen Stellen gesprenkelten Blechkasten im Nachttisch des Vaters neben einigen Reichsmünzen, einer Spielkarte, der Karo-Sieben, einem goldenen Uhrenarmband mit einem defekten Glied, ein eisernes Kreuz an einem roten Band lag, fast ein wenig achtlos abgelegt.

12. Kapitel ...(Auszug)

... Ricky nickte, dann verschwand er im Schlafzimmer. Als er wieder herauskam, hatte er ein paar Jeans, ein blau kariertes Hemd und eine schwarze Lederjacke, die, die er im Eiscafé getragen hatte, über dem Arm und spitze Stiefel mit Gummizug, einen Kamm und eine Haarbürste in den Händen.

„Hier“, sagte er, „zieh mal über. Die Schuhgröße könnte stimmen, vielleicht sind sie ein bisschen groß. Die Jeans kannst du umschlagen.“

Christian sagte: „Du meinst, ich soll die Sachen anziehen? Warum denn? Nee, das mach ich nicht.“

Ricky schickte einen Blick zum Himmel.

„Christian, ist doch nicht schlimm. Wir machen dich jetzt zum Elvis oder besser noch zu James Dean. Ist doch nichts dabei.“

Er hielt Christian die Sachen hin und, weil er nicht so verklemmt dastehen wollte, wie er sich fühlte, nahm Christian sie.

Als er sich den Pullover über den Kopf streifte, half ihm Ricky und zog an den Ärmeln.

„Jetzt die Haare. Setz dich da hin.“ Ricky zog einen der Küchenstühle in den Flur. „Soll ich oder willst du selbst?“ Er hielt ihm einen kleinen Spiegel hin. Christian kämmte sich die Haare nach hinten, aber sie waren so fein, dass sie immer wieder in die Stirn fielen.

„Warte mal, so geht das nicht.“

Ricky hantierte in der Küche herum, und als er wieder herauskam, hatte er eine kleine Schüssel mit Zuckerwasser angerührt.

„Halt still, ist ein bisschen kalt. Eigentlich müssten wir Bier nehmen, habe aber keins im Haus.“

Er träufelte mit seinen Fingern eine kleine Kaskade Wasser ins Haar und begann es zu durchwuseln. Christian hielt ganz still. Dann nahm er die Bürste und strich die Haare erst an den Seiten und dann oben mit systematischen kleinen Strichen nach hinten. Als sie platt anlagen, drückte er die Tolle in die Stirn.

Christian, der die Prozedur in dem kleinen Spiegel beobachtete, sah, wie sich sein Gesicht veränderte, wie die Wangenknochen stärker hervortraten, das Kinn kantiger das Gesicht dominierte und es insgesamt schmaler machte, und wie ihm sich sein eigener Kopf entfremdete. Fasziniert und ein wenig ungläubig betrachtete er sich.

Schon als er die Jeans und die Stiefeletten übergestreift hatte, hatte sich seine Körperhaltung verändert und er fühlte sich plötzlich so ... so anders, stärker, unangreifbarer. Seine Bewegungen wurden entschiedener, seine Körperspannung nahm zu. Die Lederjacke vollendete die Metamorphose. Er stolzierte in dem Zimmer umher, die Stiefel setzten hart auf und er wurde mit jeder Runde innerlich rotzfrecher. Ricky beobachtete ihn vom Flur aus. In seiner Hand hielt er eine Agfa Clack 620. Er hatte das Clibo Blitzlichtgerät schon eingesetzt, zögerte aber und legte die Kamera wieder weg.

Christian sah vollkommen verändert, geradezu umwerfend aus. Ricky fand, er hätte wunderbar in DerKreis gepasst.

Mit der Verwandlung wuchs Christians Selbstbewusstsein. Die Rolle, in die er schlüpfte, machte er sich gleich zu eigen, zuerst noch als Spiel, aber je länger er die Vorstellung genoss, er könnte so sein, wie er aussah, desto mehr spürte er die unbändige Lust, auch tatsächlich diese Rolle auszufüllen. Mit diesen Stiefeln, diesen Jeans, dieser Lederjacke und vor allem mit dieser Frisur konnte er der Welt begegnen und musste ihr nicht länger ausweichen.

„Stell dich mal vor die Wand. Ich mach ein Foto von dir.“

Ricky hatte wieder den Fotoapparat in der Hand. Christian posierte sich so authentisch wie möglich in Anlehnung an das Foto im Der Kreis, aber als er sich bewusst machen wollte, wie Halbstarke stehen, entglitt ihm das Bild und er landete, wo er immer auf Fotos landete, auf Standbein und Spielbein.

„Nicht so.“ Ricky lenkte ihn. „Gewicht auf beiden Beinen, Füße auseinander, Brust raus!“

Endlich stand Christian in der lässigen Haltung eines Halbstarken, den Blick auf das Kameraauge gerichtet und aus dem angedeuteten Lächeln wurde schließlich ein Grinsen.